Gartentipp 2017 Nr. 12 (Dezember) - Generations- und Geschlechterprobleme im Garten oder einfach nur eine andere Sichtweise?

Stand: 12/04/2017
Generationen vor uns haben einen Garten bewirtschaftet. Ihre Vorstellung, wie das abzulaufen hat, war mehrheitlich klar geregelt. Egal ob Terrasse, Balkon, Haus, Hof, Kleingarten. Sauber, ordentlich, aufgeräumt hat es zu sein; von wegen Natur und wilder Ecke, das ist fürchterlich. Im Garten ist / war für unsere Vorgänger Nahrungserzeugung angesagt. Düngen, spritzen - sonst wächst nichts.
Eine solche klar strukturierte Bewirtschaftung gibt es nach wie vor auch heutzutage noch. Ordnungsgemäß ausgeführt, in meinen Augen, nichts Verwerfliches.

Klare Beetstruktur

Jedes Jahr finden Preisverleihungen für den dicksten Kürbis, die größte Zucchini, die längste Sonnenblume und dergleichen statt. Natürlich alles ohne die bösen, chemischen Pflanzenschutzmittel und Dünger. Das ist einfach so gewachsen.
Allez hopp, wem so was glaubhaft erscheint.
Naturnah, ökologisch, biologisch ist für gewisse Personenkreise eine Ausrede für nicht ordentliches Bewirtschaften. Den Garten als Erholung sehen, Urlaubsgefühle im Liegestuhl, ist bei ihnen nicht so sonderlich ausgeprägt. Hier muss geschafft werden. Es gilt Salat, Kohl, Kartoffeln, Tomaten, Kräuter, Äpfel, Birnen, Erdbeeren und Co zu produzieren. Nicht dieser neumodische Kram, wie Mischkultur, so ein Durcheinander von allem. Bodenuntersuchung machen lassen, wozu?
Es wird gut gedüngt. Schließlich soll es eine ordentliche Ernte geben. Auch ist der Einsatz von „richtigen“ Pflanzenschutzmitteln gängig. Was soll der Anbau von Craneberries, Feigen, Melonen, die sowieso nicht zuverlässig was einbringen.
Mittlerweile gibt es aber eine jüngere Generation, die sich für den Garten interessiert. Sie erzeugt umweltfreundlicher und sieht das Grün vor allem als privates Naherholungsgebiet. Mit dem Nebeneffekt der Gewinnung von unbelasteten Lebensmitteln. Die Generation Internet entdeckt ihre aktive, private Gartenseite. Gerne kommen da von der eher konservativen Seite Argumente wie: Gartenarbeit ist Sport. Dann könnt ihr euch das Fitnessstudio oder das Joggen sparen.
Meine Einstellung ist da eindeutig. Gärtnern ist Bewegung im Freien. Sport ist etwas ganz anderes.
Außer dem Generationenunterschied haben auch Frauen ein anderes Verständnis von Ordnung wie wir Männer. Was für uns gut ist, kann für Frauen bestenfalls die Vorstufe von ordentlich sein.
Typisch Mann ist: Oh die paar Blätter(wenn sie uns überhaupt auffallen), der Wind weht die weg.
Typisch Frau: Dann geh ich halt raus und kehr die auch noch weg.
Bei der einen oder anderen Tätigkeit im Garten sind ebenfalls verschiedene Vorgehensweisen festzustellen.
Gießen ist, nach meiner Meinung, grundsätzlich eine ganz wichtige Pflegemaßnahme im Garten. Ausreichend und zum richtigen Zeitpunkt ist Wasser maßgeblich für den Anbauerfolg entscheidend.
Eigentlich überall, wo etwas wächst, ist Gießen irgendwann mal notwendig. Auch hier scheiden sich die Geister. Es regnet bestimmt bald. Die haben ein Islandtief mit viel Regen gemeldet. Da bewässere ich die Kartoffeln und den Kohl doch nicht. Die Erdbeeren halten auch noch was aus, genau wie der Rasen. Das Wasser ist mir für eine grüne Wiese zu teuer. Das Gras (damit ist der Rasen gemeint) wächst schon wieder nach. Andere sagen, klar das Islandtief, darauf warten wir schon zwei Wochen. Wer ernten will, muss jetzt mal in den sauren Apfel beißen. Solche Ansichten kenne ich unabhängig von Alter oder Geschlecht. Bei den Eltern und Großeltern ist der Kostenfaktor wichtig. Wasser aus der Leitung kostet Geld. Da schiebt man Gießen gerne noch mal hinaus. Ähnlich geht es beim Kauf von Pflanzen, Samen, Dünger und fast allem anderen zu. Der Eine setzt auf Qualität, der Andere will lieber günstig. „Ach du mit deinen teuren Geranien und der kostspieligen Blumenerde. Das Ganze kann bei mir wachsen“. So was höre ich schon mal. Egal ob Lehrer oder Arbeiter.
Nur wer mal den Unterschied kennen gelernt hat, versteht es.
Viele Frauen stört jeder trockene Ast. Wir Männer sehen das entspannter. Ist doch nicht schlimm, mach ich bei Gelegenheit. Oft kommt dann die Bemerkung in Richtung Faulheit, Faulenzer, will nichts schaffen. Nein, es sind einfach nur unterschiedliche Einstellungen zu gleichen Dingen. Warum das so ist, liegt bei unseren Gartenvorgängern in ihrem Leben und ihrer Erziehung. Sie haben schon Not, Elend und auch Hunger erfahren. So was prägt und lässt sich nicht einfach abschütteln. Das muss auch die Generation Internet kapieren. Erdbeeren gibt es im Sommer und nicht an Weihnachten. Obst und Gemüse kommen saisonal auf den Tisch. Da gibt es dann auch dreimal hintereinander Kohl, Bohnen, Erbsen oder Salat. Das ist jetzt da und wird verbraucht. Unabhängig vom Einmachen bzw. Einlagern. Ich selbst bin da auch durchaus in einem Gewissenskonflikt. Meine Oma fragte mal: „Wer macht den Garten wenn ich nicht mehr kann?“ Da steckt jede Menge Herzblut drin. Garten war bei ihr und meinen Eltern Herzenssache, nichts für „dünn drüber“. Ein ordentlicher Garten war ein Zeichen von Fleiß und Können. Auch wenn Mengen erzeugt wurden, die der Nachbarschaft zugutekamen. Egal, es war richtig und wichtig so, damals. Die Nachfolger machen es eigentlich immer anders, gefühlt natürlich verkehrt. Bedenken müssen aber alle Beteiligten die Wertschätzung unserer persönlich verfügbaren Zeit hat sich geändert. Für mich ein richtig bedeutender, oft unterschätzter Faktor. Es gab mal die Hausfrau und Mutter, die den Garten schmiss, ganztags zuhause. Unterstützung fand sie noch durch Opa und Oma, ebenfalls daheim. Somit doch eine ansehnliche Menge an Arbeitskraft und wertvoller Arbeitszeit. Der Arbeitnehmer von heute ist bei diesen Faktoren meist sehr begrenzt. Mir ist bewusst, in der guten, alten Zeit war nicht alles gut. Ich will nur mit den angerissenen Punkten einfach für gegenseitiges Verständnis werben. Viele Menschen mögen Garten, aber anders. Kein „volles Rohr“ nach Feierabend mehrfach in der Woche „in die Kartoffeln oder Erdbeeren“, weil es sein muss. Zusätzlich stehen am Wochenende dann Dinge an, die noch mehr Einsatz beanspruchen.
Ein gewisses Maß an erholsamer und entspannender Gartenarbeit: Ja. Genau das ist der Punkt. Freizeit ist angesagt, ich kann etwas tun. Ich kann es aber auch bleiben lassen. In manchen Großstädten gibt es Wartelisten für Kleingartenparzellen. Gärtnern in Kisten, Kübeln, Töpfen, sogar auf Dächern ist nichts mehr Ungewöhnliches. Es geht um den Spaß.
Freiwillig in ein paar Behältern Salat, Kräuter, Tomaten, Naschobst und Gemüse anbauen, ist klasse. Garten soll den Beteiligten Freude bereiten. Das ist der verbindende Gedanke für alle.

Vielleicht mal so an die Sache rangehen

Abschließend sehe ich das so: Garten ist mehr als die Summe der darin stattfindenden Tätigkeiten. Wahrscheinlich eine Weltanschauung. Viel Gefühl, Empfindungen und was weiß ich sonst noch. Immer abhängig vom Betroffenen. Deshalb mal zurückschalten, sich in den Gegenüber versetzen und siehe da, es geht irgendwie auch. Garten verbindet und entzweit nicht.


Hans Willi Konrad, DLR R-N-H Bad Kreuznach





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